6. Abisko – Saltoluokta Fjellstation

".. und weil die weise Frau sah, was sie gesehen hatte und weil die Toten unter den lebenden wandelten, wandte ich mich nach Süden. In ein Königreich, wo eine Frau aus Gold auf mich wartete.." (Bernhard Cornwell/Uthred Saga)

17.00 Uhr, der Dividalen Bericht war gerade getippt, ich sollte seit 3h auf dem Trail sein, doch ich hatte schon wieder Hunger. Das Restaurant in Abisko Turiststation ist im weissen Buch Schwedens, einem Guide für gute Küche. Nachdem ich hier gestern Abend Elchburger hatte, schielte ich gleich noch mal rein. Das Menü mit drei Gängen (ca. 42€) ändert sich täglich und Rentierfilet im Hauptgang klag ja jetzt auch nicht so schlecht. Ein kleines bisschen hatte ich schon ein schlechtes Gewissen, Anne war vor 4h nach Abiskojaure gestartet. Doch das Menü war Melodie in meinen Ohren und erinnerte mich an die letzte Saison in der ich in einem Michelin Restaurant gearbeitet hatte. Da bin ich auch immer auf der Suche nach essbarem durch die Küche getiegert. Die Patissiere war für mich mehr als ein normaler Mensch – Annika du Quell der Nervennahrung. Doch dass ist eine andere Geschichte.
Ich nehme also Platz an dem fein gedeckten Tisch in schlammbespritzter, zerschlissener GoreTex Hose und schmutzigen Stiefeln. Der Maitre schaut mich erstaunt an und platziert mich dann grinsend. Ich entscheide mich für das drei Gang Menü, welches nach kleinem Flirt mit der Bedienung üppiger als sonst ausfällt. Später setzen sich zwei Schweizer dazu und wir unterhalten uns nett beim Dessert, als mein Handy klingelt. "Tony Hinze" steht auf dem Display.
"Wo bist du" fragt er ganz drängend.
"Na in Abisko" antworte ich.
"Wo genau???" fragt er angespannt
So geht das Gespräch hin und her bis er sagt: "Bleib wo du bist ich bin in 30 Minuten da!"
Ich lege auf und muss erstmal lachen.
Tony führt ab diesem Jahr seine Touren in Norwegen, mit denen er sich seinen Traum von der Selbstständigkeit verwirklicht hat und war auf dem Weg nach Senja (Lofoten) durch Schweden als er in Kiruna das Schild "Abisko" sah und ihm durch den Kopf schoss "Der Kerle ist doch irgendwo da in der Ecke".
Meine liebe Mutter hat immer geschimpft dass ich nie in die Gänge komme; Tja' siehste, manchmal ist's doch gut so.
Wäre ich schneller gewesen mit schreiben, wäre ich bereits in Abiskojaure gewesen & hätte Tony knapp verpasst.
So kam es dass der von draussen mit dem Herrn auf Reisen 4km Norge på langs gelaufen ist.
Wir haben uns dann auf dem offiziellen Campingplatz im Abisko Nationalpark einquartiert (speziell in diesem Nationalpark ist Zelten nicht überall erlaubt).
Obwohl ich heute kaum Strecke gemacht hatte, tat es unheimlich gut mit Tony einfach dazusitzen Geschichten auszutauschen bei einem Schluck Single Malt und auch über meine Ängste zu sprechen.

Am nächsten morgen verabschiedeten wir uns, da Tony das Küstenklima zu sich rief. Ich wäre am liebsten grad mit, nach wochenlanger Kälte, Schnee, Eis und ständig nasse Stiefel war mein Bedarf an miesem Wetter erstmal gestillt und Senja hörte sich viel mehr nach Sonne an.
Doch Tony machte mir auch klar wie beneidenswert ich bin, oder um es mit den Worten eines anderen zu sagen "grad den besten Job der Welt habe".
Also trennten wir uns hier am Fluss; ich nach links, er nach rechts.
Im Takt meiner verbogenen Wanderstöcke, die Hardshell notdürftig mit Panzertape geflickt, welches sich bereits wieder löste, lief ich nach Abiskojaure. So in etwas stelle ich mir die Hütten/Trailheads auf dem AT/PCT/CDT vor.
Offnerer Platz und die Hütten durch Laufstege verbunden, in der Mitte der Laden mit Rezeption.
Anne war bereits weiter nach Alesjaure gelaufen teilte man mir mit. Puh nochmal 22km das wird knackig. Doch ich wollte meinen Geburtstag nicht allein feiern. Heimweh hat jeder mal, besonders schlimm an Feiertagen.
Ich gab mir also Mühe sie einzuholen und stand dann auch vor der Abzweigung die mich ins Narvikfjellet führen würde, auf dem eigentlich geplanten Weg nach Sulitjelma.
Wenn du in der rechten Hand ein warmes Bier hast, in der linken ein kaltes und es sind 30 Grad; welches öffnest du zuerst?
Richtig!
Links ging es weiter auf dem Kungsleden wo die Sonne schien was positiv war, rechts ging es ins Narvikfjellet wo Schnee lag was mich an die vergangenen Wochen erinnerte und somit weniger positiv war.
Abgesehen davon könnte ich mich ja auch noch am Akkajaure entscheiden nach Ritsem zu gehen. Doch vorerst wollte ich Sonne und alle 12km die Möglichkeit mir eine kalte Cola zum Mittagessen zu gönnen.
Nach 6km machte ich eine Pause und kochte mir ein Reisgericht. Es ging zwar ne Weile (6 Wochen), jetzt hatte ich allerdings den Dreh raus wie mein Körper funktioniert.
Viel Futter – hohe Laufleistung. Was für eine Wissenschaft !
Im Sommer während der Hochsaison bekommt man in jeder (zweiten) Hütte (12-25km) auf dem Kungsleden alles was des Hikers Herz begehrt. Sogar kaltes Bier.
Ich allerdings hatte 29kg im Rucksack (gewogen in Abisko unter Erstaunen der krassen Survivalisten um mich herum) davon ca 12-10kg Futter da ich nichts von den Einkaufsmöglichkeiten gewusst hatte.
Somit hatte ich das erste mal auf meiner Tour die Möglichkeit soviel zu essen wie ich möchte und benötige.
Die Sonne kam raus, ich tauschte meinen Wollpulli gegen ein Shirt ganz zur Freude der Mücken die dass als Bereitschaft zur Blutspende ansahen; egal was Oma sagt, hier hilft nur die Chemiekeule.
Der nördliche Kungsleden wurde von einem schwedischen Bekleidungsunternehmen solange als ursprünglich, natürlich und weitläufig vermarktet, bis 72738288 Hipster jährlich in Festivalmontur drüber gerannt sind und nichts mehr natürlich war.
Sehr schade zu sehen ist der Zustand der Wege die total breitgetreten sind. Kaum war mal ein Schlammloch auf dem Trail, wurde ein weiterer "sauberer" durch die angrenzenden Büsche getreten bis auch die versumpften. Dazu kommen noch die Sami mit ihren ATW & Crossmotorrädern. Daraufhin baute man ellenlange Plankengänge darüber, was entweder Mensch oder Natur voneinander schützen soll. Das wildeste Tier ist der Mensch selbst.
Auf diesen "Laufstegen" kam ich wirklich schnell voran und machte noch eine Pause.
Alesjaure war heute einfach nicht mehr drinne und so baute ich mein Camp direkt am selbigen See auf.

Der Wecker klingelte um 07.00 Uhr, aber ne lass mal lieber noch nicht. Eine Stunde später kroch ich langsam aus dem Schlafsack um eine Zeitung zu lesen und mich am Fluss munter zu machen, das fanden die Mücken prima.
Beim packen ich verlor ich kurz das Gleichgewicht und blieb mit dem Stiefel genau an der Stelle meiner Hose hängen die bereits 30cm gerissen war.
"Rtschhh !" So jetzt habe ich eine weitere Belüftungsmöglichkeit – hier hilft kein Panzertape mehr.
Ich fluche und denke mir dass das einer dieser Tage wird an denen man lieber mal daheim geblieben wäre. Doch daheim ist in Mutters Keller in 25 Umzugskartons verpackt, also weiter.
Das Wetter ist herrlich, Sonne & ca 20 Grad die Mücken sind dafür heute sehr aktiv doch ich erstaunlicherweise auch, denn die 6km habe ich innerhalb kürzester Zeit hinter mich gebracht. Hier treffe ich auch Anne die noch nicht los ist und heute nur einen kurzen Lauftag einlegen möchte was zusammen mit bereits zurückgelegter Strecke in Ordnung für mich ist.
Der Weg von Abisko bis Alesjaure ist landschaftlich nicht sehr schön. Als ich hinter die Hütten blicke, beginne ich meine Meinung über den Kungsleden zu überdenken. Noch immer sehe ich die Schneise äh den Trail klar ausgetreten und um mich herum sind mehr andere "Hiker" als ich in den letzten Wochen zusammen gesehen habe, allerdings sieht das Tal ganz nett aus.
Ich zeige der Hüttenwirtin meine stark belüftete Hose und frage ob sie vielleicht eine Nähmaschine hat. Nein, aber eine Hose hat sie für mich aus der "free to use"-Box. Die Hose ist zwar nicht wasserdicht und Grösse 50, trotzdem besser als die momentane Bekleidung.
Anne und ich nehmen uns einen Kaffee und nach kurzer Überlegung mussten wir zugeben dass trotz all der vielen Leute und den anspruchslosen, ausgetretenen Wegen (da wo der STF Brücken baut, würde der DNT nicht mal eine Planke drüber legen), der Kungsleden seinen Reiz hatte. Alle 12km ein warmer Platz, Möglichkeiten zum einkaufen, tiefere Höhenlagen, kein(e) Schnee(brücken) und "besseres Wetter" (der meiste Niederschlag bleibt an der norwegischen Grenze hängen) hatten seine Vorteile. Den Ausschlag gab dann aber dass wir bereits seit zwei Tagen trockene Stiefel hatten und mein Handy nicht permanent einen Kälteschlag abbekam (iPhone hörte ab ca 10 Grad auf zu funktionieren nachdem der Akku sich stetig halbierte).
Wir mussten darüber grinsen; also Kungsleden.
Anne lief schon mal vor ich würde von meinem Magen aufgehalten. Nach einer Tafel Schokolade und meinem letzten Uncle Ben's Gericht (lecker& günstig die Dinger, geben aber auf das Gewicht gerechnet wenig Energie), Knäckebrot (hab ich daheim nie gegessen), einigen Schokoriegeln und einer Dose Cola (fass ich daheim auch sehr selten an) war der gröbste Hunger beseitigt.
Ich fühlte mich gut, so lebendig; die Sonne brennt mir ins Gesicht und auf die Unterarme, der Trail ist leicht zu gehen und ich bin fit.
Die Philosophie von Frederik viel Strecke in kurzer Zeit zu machen spukte mir seit der Strasse nach Abisko mal wieder im Kopf herum, also gut dann schauen wir mal. Ich stoppte die Zeit und flog nur so Richtung Tjäkjastuga. Nach 2h hatte ich beinahe 10km auf dem Tacho und überholte alle die fast eine Stunde vor mir an Alesjaure losgelaufen waren. Das machte gute Laune und ich versuchte das Tempo zu halten mir kam der Gedanke den Kungsleden innerhalb kürzester Zeit abzulaufen um verlorene Zeit aufzuholen. Wenn der ganze Trail nach Hemavan so aussah war das easy goin !
Von Hemavan wären 2-3 Tage auf der E12 nötig um ins Susendalen kurz vors Børgefjell zu kommen. Das Saltfjellet lag nach letzten Informationen ohnehin noch unter Schnee bedenkt und das Okstindan würde ich separat noch einmal besuchen.
Warum also nicht den Kungsleden als "Kardiotraining" sehen, Strecke machen um mir einige Tage extra im Süden herauszuarbeiten?
Grinsend lief ich über die Hängebrücke zur Hütte.
150SEK wollte der Hüttenwart dafür dass ich neben der Hütte zelte und in der Gemeinschaftsküche mein Essen koche.
Ich dankte herzlichst ab und pflanzte meine Tomate ein Stück oberhalb der Hütte auf einen Hügel mit recht netter Aussicht auf das Tal. Es war grad mal 17.00Uhr und so verzog ich mich mit Jack London & Lindt in die warme Daunentüte.

Heute ist mein 24.Geburtstag..
2400km Luftlinie trennen mich von meiner Familie und meinen engsten Freunden. Ich bin nördlich des Polarkreises, sie am Meer, in den Alpen & im Büro.
Noch nie war ich an diesem Tag nicht mit ihnen zusammen. Es war nie wichtig wo wir waren, das Zusammensein zählt für mich, da kullert dann schon mal eine kleine Träne.
Vor einem Jahr hatten wir eine wirklich wilde durchzechte Nacht in einem Basler Nachtclub, heute waren als Kontrastprogramm zum 24. Geburtstag 24km angesetzt.
Dennoch hatte ich einen Kloss im Hals als ich aufwachte. Keine Glückwünsche, kein Geburtstagsfühstück bei Mama, kein bester Freund der mich angrinst. Nicht gerade einfach.
Umso besser fühlte ich mich als ich diesen morgen Anne sah. Immerhin ein freundliches & bekanntes Gesicht.
Anscheinend hatte ich wirklich übel an Gewicht verloren denn sie schenkte mir einen tollen roten Gürtel zum Geburtstag und machte sich auf den Weg.
Ich starrte noch ein bisschen in die Ferne und dachte an die liebsten daheim. Der Himmel ist strahlend blau, was gute Laune macht und ich ziehe das erste Mal auf meiner Reise meine Shorts an.
Es ging über den Tjäkjapass auf 1100m und das Panorama dannach war einfach nur wirklich schön. Das Fjell hatte nach anfänglicher Skepsis über den weissen Sommer angefangen zu blühen, die Sonne spiegelte sich im Flussdelta und der Himmel klärte immer mehr auf. An einem See warf ich meine Angel aus & verlor immerhin keinen Haken – das wird doch langsam !
Die Strecke bis zur Sälkastugorna war im Schnellschritt zurückgelegt, ich rollte meine Isomatte aus und gönnte mir 2 eiskalte Fanta, eine Packung Salami, ein Blå Band & eine Tafel Schokolade wonach ich Drall in der Sonne lag. Noch immer waren hier zu viele Menschen unterwegs, die Wege erinnerten mehr an die Vogesen als an Schweden und ich hatte heute mehr solide Brücken überquert als in den letzten 6 Wochen in Norwegen und Finnland zusammen, allerdings waren diese Läden alle 12-20km wirklich was feines.
Die 12km zur nächsten Hütte lagen dann in drei Stunden auch hinter mir, wobei ich schneller gewesen wäre hätte ich nicht gleich soviel auf einmal verputzt.
Funktioniert ganz gut so; ich stoppe zwei Stunden in denen ich wirklich Gas gebe und mache dann eine kurze Pause. Dann noch bis zur nächsten Hütte, wo es Mittag gibt und nach ca. einer Stunde Pause weiter.
Das Wetter ist fantastisch heute ! Solch klaren Himmel hatte ich zuletzt auf Magerøya für ganz kurze Zeit und dann zwei Tage lang in Kautokeino. Der Hüttenwart erzählte mir sie hätten zur Zeit das beste Wetter in ganz Schweden. Im Süden würde es regnen und stürmen. Einfach herrlich !
Der Hüttenwart an der Singistugstugorna ist ziemlich resolut und schickt mich vom Gelände zum Zelten, sonst müsse ich bezahlen um Küche und Gas zu nutzen. Mein Geburtstag interessiert ihn da wenig und ich muss mir die Frage verkneifen wieviel Gas seine Camper denn so verbrauchen wenn er 150SEK/Zeltnacht abrechnet (in Norwegen 60NOK).
Einen weiteren Kilometer entfernt baue ich mein Zelt auf mich Aussicht auf das Flussdelta und gönne mir einen kleinen Schluck Single Malt, den ich extra für diesen Tag eingepackt habe.
Ich lasse an beiden Seiten das Aussenzelt offen und habe durch das Mückennetz eine tolle Aussicht bei der ich eingemummelt in meinem Wollpyjama eindöse.

Der Wecker klingelt um 07.00 Uhr aber ich will noch nicht gehen..
Auf dem Trail merke ich dass mir das ausgelassene Abendessen von gestern fehlt. Dennoch erreiche ich Kaitumstuoga zeitig.
Der STF tut was er kann um 827282628 Wanderern jährlich ein Dach über dem Kopf zu bieten, doch selbst die weniger schönen Hütten des DNT sind hübscher und liebevoller eingerichtet als die Hütten hier. Zudem sind sie preislich sehr viel teuerer (460SEK), meistens allerdings mit Sauna. Die Hütte in Kaitum hatte allerdings eine phänomenale Aussicht auf das Tal mit Flussdelta.
Im Shop gönnte ich mir die mittlerweile zwei obligatorischen Dosen Cola/Fanta, Rote Linsen (Nüsse/Linsen/Hafer kann man auf Gramm kaufen), Schokolade, Marmelade fürs Frühstück (kommt gut in Müsli) & durfte auf Anfrage sogar vor den Mücken in die Küche fliehen zum Essen. DNT/DAV/SAC/etc. Mitgliedschaften werden vom STF teilweise als gleichwertig angesehen.
Selbst beim Essen hatte ich keine Ruhe vor den Plagegeistern. Meine Waden waren Schlammbespritzt und voller roter Beulen/Pusteln und offenen Wunden.
Es ging durch einen satt grünen Birkenwald bergab über eine Hängebrücke und endlos viele kleine Stolpersteine. Das kostete Zeit. Heute war es wirklich heiss, mir lief die Suppe nur so von der Stirn und es ging bergauf auf eine blühende Hochebene. Wären die Mücken nicht so aktiv hätte ich an einem der Seen ein Bad genommen. Das hatte ich so langsam auch bitter nötig; auf meiner Haut lag ein Film vom Schlamm, Staub, Schweiss und Mückenschutzmittel.
Da hatten sich ein Kerl doch tatsächlich direkt am Hang sein Zelt aufgebaut, was für ein Glückspilz – die Aussicht war atemberaubend !
Der Teusajaure-See war ein Spiegel für die umliegenden Berge und direkt am Ufer, die Hütte. Eigentlich war die Überquerung des Sees und einige weitere Kilometer geplant, die Sauna war aber das Argument das erste Mal an einer STF Hütte zu Zelten. Dort lernte ich einen Belgier und einen Franzosen kennen die Original mit einem Pflanzekundebuch gerade dabei waren ihr Abendessen zu sammeln. Angeln hielten sie dann aber doch für die effizientere Idee. Wir liehen uns das Ruderboot und fuhren auf den See hinaus. Die Sonne brannte nur so auf uns herab & wir legten am Ufer an um es dort zu versuchen. Eine junge Dame aus Köln kam auf uns zu und erzählte dass sie ihren Schlappen verloren hatte und er nun irgendwo auf dem See herumschwomm.
Nun ja, wenn eine junge Dame Hilfe braucht, drück ich die Ruder natürlich besonders tief ins Wasser. Dass ich mich dabei weniger geschickt angestellt habe erwähne ich lieber mal nicht. Schlappen gerettet, sie glücklich, die beiden Pflanzitarier am grinsen, die Sonne strahlt – was für ein ereignisreicher Tag !
Fisch gabs leider trotzdem keinen, dafür die Sauna und ein eiskaltes Bad im See, wonach ich mich erstmal wieder in der Sauna erwärmen musste.

Das Surren der Mücken weckte mich. Meine Beine würden einen Dermatologen mittlerweile vor ein Rätsel stellen.
Die Zeit während ich mein Zelt verpackte wurde von den kleinen Plagegeistern Intensiv genutzt. Ich rettete mich in die Hütte um immerhin in Ruhe zu frühstücken. Dort traf ich auch wieder Jeanne deren Schlappen ich vor dem ertrinken gerettet hatte zusammen mit ihren Freundinnen. Die vier waren super drauf und als Entlohnung wurde ich von Ihnen über den See gerudert.
Auch dem Kungsleden gibt es einige Seen (2-7km) die mit dem Ruderboot überquert werden müssen. Es gibt drei Boote und auf jeder Seite muss immer mindestens eins bleiben. Dass heisst wenn wir zwei Boote auf die andere Seite nehmen, müssen wir hinterher mindestens eines im Schlepptau zurückzuführen. Laut Adam Riese bedeutet das gleich 3x Rudern. Die detour übernahm ich mit Franka, wobei ich mich noch weitaus weniger geschickt anstellte als am Tag davor – blanke Absicht natürlich.
Die ganze Szene war zur Belustigung der anderen Hüttengäste die satte 90 Minuten auf ihr Boot warten mussten.
Es gibt an den Seen stehts die Möglichkeit ein Motorboot zu chartern welches einen übersetzt. Eventuell sollte ich dass für die kommenden Wochen mal in Betracht ziehen.
Der Aufstieg war bei satten 27C ziemlich knackig, der Schweiss tropfte mir von der Nasenspitze doch der Stora Sjöfallets Nationalpark zeigte sich von seiner schönsten Seite. Auf dem höchsten Punkt hatten wir dann Ausblick auf die markanten Gipfel des Sarek. Sarek – soviel Verheissung auf Abenteuer in einem Wort..
Klare Bergseen luden zum Bad ein, die Mücken waren allerdings zu aktiv heute und so nahmen wir den Abstieg zur Vakkotavare Hütte. Dieser war sehr sandig; so richtig einladend mal wieder ernsthaft auf dem Hosenboden zu landen.
Meine Tomate stellte ich direkt am See auf mit schönem Ausblick. Später liessen wir dann den Abend zu fünft am Ufer mit einer kleinen Flasche Single Malt ausklingen, welche aus den Untiefen meines Rucksacks auftauchte.

Es war spät geworden letzte Nacht, der Wecker liess mich gerädert aufschrecken.
Noch immer vertrete ich die Ansicht das eine Reise zu Fuss, solange es physische möglich ist, komplett zu Fuss durchgeführt werden sollte. Man bekommt ein besseres Gefühl für die Natur, der Kopf denkt klarer und die Sinne schärfen sich. Heute bedeutete dass für mich um 06.00 Uhr meine 46 Habseligkeiten zu packen und bis um 16.00 Uhr 27km nach Kebnats zurück zulegen. Anne hatte ihren Rucksack mit dem Bus vorausgeschickt, mir war das zu riskant ihn dort für mehrere Stunden unbeaufsichtigt zu lassen. Sie zog ganz flink und wie immer bestens gelaunt an mir vorbei während die Sonne meine linke Gehirnhälfte brutzelte.
"Selber schuld" brummte ich vor mich hin.
Ich hatte das Frühstück ausfallen lassen umso schnell wie möglich aus der Mückenhölle zu entkommen. Dass rächte sich jetzt; ich musste meinen Rucksack absetzen und etwas essen.
Der norwegische Hersteller von gefriergetrockneter Tütennahrung "Real Turmat", hatte mich vor einigen Wochen über Social Media auf seine Protein/Power Riegel aufmerksam gemacht, welche jetzt genau richtig kamen.
Nach etwas mehr als der Hälfte gab es ein kleines Touristenzentrum wo ich mich mit Anne auf einen Kaffee verabredet hatte. Wir verbrachten dort eine längere Weile in den gekühlten Räumlichkeiten mit einigen Stücken Kuchen (der Kaffee war dann doch nebensächlich).
Im Stechschritt legte ich zu meinem eigenen Erstaunen die gesamte Strecke bis Kebnats innerhalb von 7h Wegzeit zurück, verpasste um einige Minuten die 15.00 Uhr Fähre und machte ein kleines Nickerchen am Pier bis die nächste Fähre (180SEK) anlegte und mich zur Saltoluokta Fjellstation übersetzte.
Die Fjellstation ist über hundert Jahre alt, vermittelt aber trotz eigenem Charme leider – wie ich es oft die Tage empfunden habe – das Gefühl von Massentourismus; ziemlich überteuert und unpersönlich.
Die Sonne strahlte nur so, es war windstill, mein Zelt selbsttragend, wozu also abspannen mit Heringen?
Da Sitz ich am Tisch mit fünf fremden Menschen (wir stellen fest dann vier von uns aus Basilea kommen) als es anfängt zu regnen; macht nichts ist ja nur Wasser.
Eine der Damen aus Basel ca sechzig Jahre jung wechselt fliessend aus dem schwedischen ins österreichische. Als ich frage wo sie so gut schwedisch gelernt hat, erzählt sie mir folgende schöne Geschichte:
"Vor 23 Jahren, als der Kungsleden noch etwas anders aussah, bin ich in Abisko losgelaufen, das erste Mal ohne Zelt, als reine Hüttentour. Es regnet in Massen, aus Bächen werden Flüsse, aus Flüssen Ströme. Dann stehe ich dann vor einem dieser reissenden Ströme, welcher auf der Karte als kleiner Bach eingezeichnet ist, weder links, noch einige hundert Meter rechts ist er furtbar. Eine weitere Frau kommt dazu, wir beide ohne Zelt, Hilflos was nun?
Da kommt gemächtig ein Schwede um die Ecke, gross beladen, erkennt dass die Situation morgen ganz anders aussehen kann und lädt uns ein zu sich ins Zelt auf eine Tasse Tee.
Und so habe ich meinen Lebensgefährten kennengelernt."
Helge Timmerberg hat mal gesagt: "..alles im Leben ist eine gute Geschichte.."
Geschichten wie diese machen meine Reise zu etwas besonderem.
Während mir die liebe Frau davon erzählte, kam draussen ein rechter Sturm auf und ich schaue meiner roten Tomate zu wie sie im Wind langsam abhebt.
Schneller als ich meine Schritte koordinieren kann sprinte ich durch den Regen, drücke mein Zelt zurück an den Boden und durchwühle den Rucksack nach meinen Heringen.
Der Wind ruckeltet sehr stark und will mein rotes Zelt am Himmel kreisen sehen.
Wo sind die verflixten Dinger ?! Ich muss sie echt in Vakkotavare liegen gelassen haben als ich vor den Mücken geflohen bin heute morgen. Ärgerlich öffne ich das Zelt, welchen gleich darauf einen weiteren Ruck macht. Das ganze Restaurant der Hütte schaut mir vom Fenster grinsend zu. Klar ich würd auch grinsen wenn es nicht gerade zufällig mein eigenes Zelt wäre. Eine junge Schwedin rettet mich indem sie das Zelt kurz an den Boden drückt, während ich zurück in die Fjellstation sprinte um dort Zeltheringe zu kaufen.
Zu zweit bekommen wir das Zelt abgespannt und müssen ziemlich grinsen über die ganze Situation. Sie verkriecht sich in ihrem Zelt, ich kehre zurück zu meiner kalten Tasse Kaffee im Restaurant.
Später am Abend treffen wir uns zufällig wieder, diskutieren über die Unterschiede der Routen in Schweden & in Norwegen und schauen uns über mehrere Stunden den Sonnenuntergang am See an. Als wir auf die Uhr schauen ist es bereits weit nach Mitternacht, wir verabschieden uns.
Und ich kenne nicht mal ihren Namen.

Mitten in der Nacht hatte mich der Regen geweckt, ich war nicht ausgeschlafen und stocherte lustlos in meinem Frühstück herum.
Heute ist Ruhetag morgen gehts mit 20-25km weiter Richtung Sitojaure. Meine Klamotten riechen mittlerweile ausgesprochen markant & keine Waschmaschine in Sicht.

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